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WILDLIFE-INTERVIEW
MIT DR.ERIK ZIMEN

Erik Zimen ist ein international bekannter Wolfsexperte und beschäftigt sich wissenschaftlich seit 1967 mit dieser Tierart. Nachdem der bei Wolf Herre promoviert hatte, war er jahrelang Mitarbeiter von Konrad Lorenz. Als Leiter verschiedener Forschungsprojekte arbeitete er im Nationalpark Bayrischer Wald, in den Abruzzen und im Saarland. Dem Forscher interessiert vor allem die Beziehung zwischen Tier und Mensch, zwischen Natur und Kultur. Zur Zeit lebt Erik Zimen als freier Mitarbeiter mit seiner Familie im Bayrischen Wald.



WILDLIFE OBSERVER:
Wie man hört, versuchen sich Wölfe in gewissen Teilen Europas auszubreiten. Wie sehen Sie die Chance für den Wolf, sich in diesen Gebieten zu halten?

ERIK ZIMEN:
Es ist schwierig für den Wolf. Nicht, weil er ökologisch keine Überlebenschancen hätte; der Wolf kann eigentlich überall leben. Das Problem ist der Mensch mit seiner Jagdleidenschaft. Gerade in Mitteleuropa haben wir eine Hochsitzdichte, die wohl einmalig in der Welt ist. Es ist eben viel zu verlockend für einen Jäger, der auf einem Hochsitzauf einen Rehbock wartet, daß er auch auf einen vorbeikommenden Wolf schießt, obwohl dieser offiziell geschützt ist. Ich will nicht sagen, daß alle Jäger so sind, auf keinen Fall. Aber es gibt sicherlich eine Tendenz der Jägerschaft, den Konkurrenten "Wolf" möglichst schnell wieder loszuwerden. Das hat mit jener ökologischen Konkurrenzsituation zu tun, die auch zwischen Wolf und Kojote oder zwischen Wolf und Luchs herrscht. Nur im Menschen steht dem Wolf eben ein besonders potenter Gegner gegenüber.

WILDLIFE OBSERVER:
Könnten Sie uns die Gründe sagen, wieso sich der Wolf in letzter Zeit vermehrt versucht auszubreiten?

ERIK ZIMEN:
Die wesentliche Ursache, denke ich, liegt an einer veränderten Einstellung des Menschen zum Wolf. Und damit gibt es auch eine veränderte Gesetzgebung. Der Wolf ist jetzt im Washingtoner Artenschutzabkommen aufgelistet und zwar im sogenannten "Appendix A", gehört also zu den am meisten bedrohten Tierarten und genießt demnach in vielen europäischen Ländern vollen Schutz. Das ist aber nicht alles, sondern es gibt auch eine andere Einstellung zum Wolf. Die hängt sicher auch mit einer veränderten Ökonomie in den Gebieten, in denen Wölfe leben, zusammen. Wenn ich etwa die Abruzzen betrachte, dann war das früher eine sehr arme, weitgehend von Schafzüchtern besiedelte Gegend, und die Aversion gegen den Wolf war enorm.

Das ist auch verständlich, da die Wölfe großen Schaden unter den Schafherden angerichtet haben. Inzwischen ist aber dieses Gebiet touristisch erschlossen. Wir haben es auch in Zuge unserer Arbeit dort geschafft, wieder Rehe und Hirsche anzusiedeln. Die haben sich gut vermehrt und sehr gut ausgebreitet, so daß der Druck nicht mehr so stark ist. Hinzu kommt, daß ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr unmittelbar von der Schafzucht lebt, sondern vom Tourismus. Da ist der Wolf eher ein Pluspunkt als ein Nachteil. Nicht weil die Touristen Wölfe beobachten können, das ist ja kaum möglich, denn er ist einfach zu scheu. Aber vor allem die Tatsache, daß in einem Gebiet Wölfe leben ist für viele Menschen eine Attraktivität, weil es etwas von der ursprünglichen Wildnis verspricht, die es früher einmal gab. Natürlich sind auch die Abruzzen nach wie vor vom Menschen intensiv genutzt, aber die bloße Anwesenheit des Wolfes bietet etwas, was vor allem von Städtern gesucht wird, die in dieser Gegend ihren Urlaub verbringen.

WILDLIFE OBSERVER:
Wie schätzen Sie die gesellschaftliche Akzeptanz der Menschen zum Wolf in den einzelnen Ländern ein?

ERIK ZIMEN:
Die gesellschaftliche Akzeptanz ist nicht nur innerhalb der Länder unterschiedlich, sondern auch zwischen den Ländern. Südlich der Alpen etwa ist die Einstellung zum Wolf eine andere als nördlich der Alpen. Das hängt mit alten Mythen zusammen. Nördlich der Alpen ist das Rotkäppchen bestimmend für unser Wolfsbild. Südlich der Alpen sind es Romolus, Remus und die Wölfin, die diese beiden Kinder angenommen und gesäugt hat. Mythen wiederum spiegeln die Einstellung der Menschen zur Natur wider. Südlich der Alpen waren die klimatischen Verhältnisse sehr viel günstiger als im Norden, was bedeutet, daß dort eine andere Abhängigkeit von den natürlichen Ressourcen gegeben war. Wenn ein Bauer einmal einen landwirtschaftlichen Fehler gemacht hatte, war das nicht weiter tragisch. Nördlich der Alpen hingegen konnten die Menschen nur überleben, wenn sie sehr sorgfältig und strukturiert ihre Landwirtschaft betrieben. Sie haben alles ausgebeutet , was überhaupt ausbeutbar war. Dementsprechend haben wir auch eine viel utilitaristischere Einstellung zur Natur als die Menschen südlich der Alpen. Das erkennen Sie alleine daran, wenn Sie etwa ein Maisfeld in Niedersachsen mit einem in Spanien oder Italien vergleichen. Sie werden feststellen, wie unterschiedlich da angebaut wird. In Niedersachsen ist da alles perfekt, wie gerade die Linien sind, kein Baum, kein Strauch, kein Unkraut stört das Werk des Bauern. Südlich der Alpen wächst alles ein bißchen kreuz und quer und es gibt viele Brachflächen, die nicht mehr genutzt werden. All das beruht darauf, daß der Mensch südlich der Alpen die Natur nicht bis ins letzte ausbeuten möchte. Nördlich der Alpen, und das sitzt sehr, sehr tief in unserer Mentalität drin, machte nur der hundertprozentige Einsatz lebensfähig. Das führt jetzt bei weitem vom Wolf weg, aber das hat sicherlich am Ende auch mit unserer Einstellung zum Wolf zu tun und erklärt diese Unterschiede, die wir vielleicht mit den Mythen von Rotkäppchen und Remus etwas schematisiert bezeichnen können.

WILDLIFE OBSERVER:
Wie sind Sie selber "auf den Wolf" gekommen?

ERIK ZIMEN:
Ich habe eine Doktorarbeit über den Einfluß der Domestikation auf das Verhalten der Tiere geschrieben und dabei Wolf und Hund als Beispiel genommen. Nach meiner Arbeit in Kiel bei Professor Herre bin ich dann nach Seewiesen gegangen und habe dort viele Jahre bei Konrad Lorenz über den Wolf gearbeitet. Bei meiner Doktorarbeit mußte ich nämlich feststellen daß wir viel zu wenig über den Wolf wissen. Nun, das war vor 30 Jahren, und inzwischen hat sich diese Lücke gut geschlossen.

WILDLIFE OBSERVER:
Gibt es ein Erlebnis mit einem Wolf, das Sie besonders fasziniert hat, oder haben Sie einen "Lieblingswolf", von dem Sie uns erzählen können?

ERIK ZIMEN:
Es gibt so viele Erlebnisse. Wenn man 30 Jahre mit Wölfen gearbeitet hat, dann sind es so unendlich viele lustige, traurige, spannende Geschichten. Davon eine auszuwählen, ist schwer. Und zu den "Lieblingswölfen", nun, da gab es mehrere. "Lieblingswölfe" wohl, weil sie in irgendeiner Phase ihres Lebens besonders anhänglich waren. Ich hatte einige Wölfe, die geradezu Prototypen des domestizierten Hauswolfes waren. Ein Wolf zum Beispiel hieß Alexander. Der war unter seinen drei Geschwistern der friedlichste und war immer den anderen etwas unterlegen. Irgendwann einmal wurde er durch Zufall Alpha-Wolf. Dies hing damit zusammen, daß seine beiden Brüder Rangprobleme untereinander nicht klären konnten. In dieser Zeit wurde auch Alexander recht keck und aggressiv. Aber man hatte den Eindruck, eher nur deshalb, weil er meinte, man müßte das als Alpha-Wolf sein. Als dann die beiden Brüder die Rangordnung unter sich wieder festgelegt hatten, verlor auch Alexander seine Position. Fortan war er ein ausgesprochen friedlicher und netter Wolf, der zwar mehrfach weglief, aber immer wieder zurückkam.
Ich erinnere mich an eine Situation, da war ich mit Bernhard Grzimek unterwegs. Ich weiß nicht, ob Sie ihn noch kennen, aber der war noch vor zehn Jahren der, sagen wir mal "Tierpapst" im deutschsprachigen Raum. Jedenfalls waren wir mit den Wölfen im Nationalpark Bayrischer Wald unterwegs. Die Wölfe liefen alle frei herum, und als wir sie wieder einfangen wollten, war Alexander weg. Wir rannten runter ins Dorf und der Grzimek war besonders aufgeregt. Ich kannte das ja schon und fand das eher lustig. Im Dorf fragte er dann ein Mädchen, ob sie einen Wolf gesehen hätte. Das Mädchen erwiderte "Ja".
Und dann sagte Grzimek, wohl weil er es gewohnt war, in einer gefährlichen Situation alles ein wenig herunterzuspielen: "Ja. so ein ganz kleiner Wolf". Da meinte das Mädchen: "Nein, nein, der ist nicht klein, der ist soooo groß", und zeigte, wie groß er wirklich war. In der Tat, Alexander war ein stattlicher Wolf. Das Mädchen erzählte weiter: "Und der ist am Spielplatz und spielt mit den Kindern." Wir sind dann zum Spielplatz gegangen, und nachdem ich Alexander gerufen hatte, ist er dann gekommen. Solche Sachen sind immer wieder passiert. Meistens sind es nicht die Alpha-Wölfe, die in die Kategorie "Lieblingswölfe" hineinkommen, sondern eher die Subdominanten, da diese viel friedlicher und freundlicher sind.

WILDLIFE OBSERVER:
Wenn Sie sich noch einmal ein Tier aussuchen könnten, dem Sie Ihre Forschung widmen könnten, an welchem Tier würden Sie dann gerne arbeiten?

ERIK ZIMEN:
Neben dem vierbeinigen auch dem zweibeinigen Wolf - dem Menschen. Wolf und Mensch sind sich sehr ähnlich. Kein Tier steht uns sozial so nahe wie er, und beide sind von Natur aus Großwildjäger. Wolf und Mensch lebten in der Großfamilie; mit Arbeitseinteilung zwischen den Geschlechtern, und einer hierarchischen Struktur, mit Fürsorge und Konkurrenz, mit Liebe und Haß. Und mit einer Vielzahl von Anpassungsstrukturen an eine rauhe Umwelt. Deshalb interessiert mich auch der ursprüngliche Jäger unter den Menschen, doch davon gibt es nur noch ganz, ganz wenige, wie etwa die Jäger in den nördlichen Tundraregionen. Unsere Kultur wurde von den Jägern in der Eiszeit bestimmt, doch wir wissen über sie sehr wenig. Es gibt einen kleinen Samojeden-Stamm auf der Taimyr-Halbinsel, die Ngossanne. Diese Menschen leben rein von der Jagd. Nach dem Wolf wäre es ihr Leben und ihre Kultur, die mich außerordentlich interessieren würden.

WILDLIFE OBSERVER:
Wir danken für dieses Gespräch.

(Erschienen ist dieses Interview, das Katharin Pieta führte, in der 2. Ausgabe 99 des Wildlife Observer)


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