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DIE RÜCKKEHR DER WÖLFE

Vom nordamerikanischen Timberwolf scheinen alle Untertanen des Canis lupus abzustammen. Über die Beringstraße gelangten die Wölfe nach Eurasien und breiteten sich auf der gesamten nördlichen Hemisphäre aus. Jahrtausende lang beherrschten sie auch die europäischen Wälder, aber seit dem Mittelalter wurde den graubraunen Vierbeinern stark zugesetzt und sie sind in vielen Gebieten völlig ausgerottet. Doch die jüngsten europäischen Begegnungen mit dem fabelhaften Isegrim deuten darauf hin, daß das herzreißende Geheul der nächtlichen Jäger zur natürlichen Zukunftsmusik wird. Forscher wollen intensiv nach den wölfischen Wanderspuren fahnden und diese Regionen zu Schutzzonen erklären.



ILLEGAL NACH DEUTSCHLAND

Die Pfoten rutschen, trotz der scharfen Krallen, am glitschigen Ufer aus. Im fahlen Licht des abnehmenden Mondes ist die graue Kreatur kaum in der eisigkalten Oder zu erkennen, nur das dumpfe Wasserplatschen ist zu hören. Mühsam stemmt sich das Tier mit den Hinterbeinen an Land. Triefend verharrt es für Sekunden, einige Huster lösen das geschluckte Wasser. Dann beutelt sich das Tier am ganzen Körper und schüttelt das Wasser aus dem Fell. Noch ehe ein Menschenauge die dürre Gestalt erspäht, verschwindet sich in einem Waldstück bei Altstahnsdorf. Zurück bleiben deutlich sichtbare Spuren im Schnee, die den "illegalen" Einwanderer aus Polen verraten. Es war ein Wolf, die Zoologen sagen Canis lupus, der bei Frankfurt an der Oder Brandenburg erreicht hat.

In den vergangenen 15 Jahren sind vermehrt polnische Wölfe auf ähnliche Art und Weise nach Deutschland gekommen. Gewiß sind Wolfsichtungen ein wenig problematisch, nur allzu leicht werden die scheuen Vierbeiner mit streunenden Hunden oder sogar Füchsen verwechselt. Auch sind Wolfsspuren, wenn es sich nicht um frische Trittsiegel im Neuschnee handelt, nur schwer von jenen der Hunde zu unterscheiden. Trotzdem ist sich die Fachwelt einig: Der Wolf ist nach Deutschland zurückgekehrt. Allerdings oft nur für einen Kurzbesuch, so daß keiner weiß, wieviele der "fabelhaften" Isegrims wirklich da sind. "Das können im Moment um die 20 Wölfe sein oder aber auch keiner. Sicher ist nur, daß sich zumindest zeitweise Wölfe auf deutschem Boden aufhalten", sagt der deutsche Wolfsforscher Erik Zimen.

Da seit dem 19. Jahrhundert hierzulande die Wölfe als ausgerottet gelten, könnten diese sporadischen Stelldicheins einen neuen Anfang für Canis lupus lupus - den europäischen Wolf - bedeuten. Seit kurzem genießt er in Polen Vollschutz und könnte sich somit noch mehr ausbreiten. Dabei gehen vor allem jüngere Rüden "auf die Wanderschaft", meist auf der Suche nach einer Partnerin. Bis sich indes wieder ein ganzes Rudel in unseren Wäldern tummelt, müssen sich die Tiere erst in der neuen Umgebung räumlich organisieren. Der Mensch versucht dies mit dem ersten europäischen Wolfs-Management-Plan für Brandenburg zu unterstützen, der 1996 veröffentlicht wurde: Darin steht, wie Schaf und Rund vor dem Wolf geschützt werden sollen und welche Ausgleichszahlungen ein Landwirt bekommt, wenn Isegrimm sich doch am friedlichen Hausvieh "verbeißt". Man will bereits ein fertiges Konzept haben, bevor sich das erste Rudel bildet. Welche Probleme dabei auf Jäger und Landwirte zukommen, zeigt das Beispiel Schweden.

GEFAHR DURCH INZUCHT

Als 1980 plötzlich in Schweden die erste Wölfe auftauchten, spekulierten einige, ob die Tiere eventuell aus einem Zoo ausgebrochen seien. Doch genetische Untersuchungen von Hans Ellegren aus dem Biomedizinischem Centre in Uppsala konnten dies entkräften - sie kommen aus Rußland. Zur Zeit schätzen die Forscher die Population auf mindestens 25 Individuen. Neben der Herkunft zeigten die genetischen Analysen zudem den Verlust der genetischen Variabilität, die durch Inzucht entsteht. Die Zukunft des schwedischen Nachwuchses hängt somit auch von der weiteren Zuwanderung russischer Artgenossen ab. Denn ansonsten könnten genetisch verarmte Welpen, wie das bei anderen Tieren bekannt ist, viel anfälliger für Krankheiten werden. Verhaltensstörungen, Gelenkserkrankungen und sogar Unfruchtbarkeit drohen den Jungen, wenn die wölfische Inzucht in Schweden nicht gestoppt wird.

Neben dieser Sorge, ist es auch der Homo sapiens, der Canis lupus im Wege steht: Schafe, Rentiere sowie Elche stehen auf dem Speisezettel beider Arten. Es ist verständlich, daß jene Menschen, die von Schafzucht und Rentierzucht leben, über eine Rückkehr des Wolfes nicht erfreut sind. Dafür findet der Wolf Fürsprecher bei den Stadtbewohnern. Sie kennen die Spezies meist nur aus dem Zoo, wo gerade die herzigen Wolfswelpen allzusehr an den liebgewonnenen "Bello" von zu Hause erinnern. Und so kommt es, daß der Wolf einerseits in Schweden geschützt ist und es andererseits immer wieder zu illegalen Abschüssen kommt. Um ihn davor zu bewahren, gingen vor kurzem das Amt für Naturschutz und der World Wild Fund for Nature (WWF) Schweden sogar so weit, Rentiere mit Schneemobilen und Helikoptern aus einem Wolfsterritorium zu verlegen. In einem weitläufigen Land wie Schweden möglich, doch was erwartet den Wolf in Mitteleuropa?

PROBLEME MIT DEM WEIDEVIEH

Neben Brandenburg ließ sich der Wolf in Niedersachsen und im Bayrischen Wald blicken. Auch in Österreich tauchte er als Grenzgänger aus Slowenien und Tschechien auf. Vor drei Jahren erschoß gar ein oberösterreichischer Jäger aus Versehen einen Rüden - der Mann hielt das Tier für einen großen Fuchs! Nun, zumindest ist dieser Vorfall ein eindeutiger Beweis dafür, daß der Wolf wieder da ist.

Etwas mehr Glück als in Österreich hatte der Rückkehrer in Frankreich. Die ersten zwei Wölfe wurden 1992 im Nationalpark Mercantour in den französischen Seealpen beobachtet. Seitdem haben sich zwei Rudel etabliert, zwei weitere sollen sich in Randregionen des Nationalparks niedergelassen haben. Nach Benoit Lequette vom Nationalpark Mercantour schätzt man die Population auf etwa 20 Tiere. Durch genetische Analysen an Totfunden wurde festgestellt, daß die Wölfe aus Italien "eingereist" sind. Auch in die Schweiz wandern vereinzelt italienische Wölfe ein, etwa in den Bergkanton Wallis, und so mancher Schafzüchter fürchtet jetzt um seine Tiere.

Urs Breitenmoser, Wildbiologe aus Bern: "Eine erfolgreiche Ansiedelung von Wölfen in den Alpen ist nur denkbar, wenn man zusammen mit der lokalen Bevölkerung die Methoden der Schafhaltung ändert." Denn in Gegenden, in denen die Wölfe seit vielen Jahrzehnten ausgestorben sind, "starben" auch Hirten und Hirtenhunde aus: Schafe grasten dort ungefährdet ohne menschliche Aufpasser und "Anstands-Wauwaus". In den alpinen Regionen der Schweiz und Frankreichs ist das Vieh ein leichtes Opfer für jeden Wolf.

STREIT DER VETTER UM SCHAFE

Wie Schafe nicht zur einfachen Beute der Wölfe werden, können Viehbesitzer der Alpen zum Beispiel von ihren Kollegen aus den italienischen Abruzzen lernen. Dort hat sich nicht nur der Wolf bis heute gehalten, sondern auch die tradionelle Schafshaltung. Hier bleibt der Schäfer bei seinem Vieh und wird von "fürsorglichen" Herdenschutzhunden begleitet. Diese Viehbeiner sind nicht, wie etwa britische Schäferhunde, für das Zusammentreiben und den Zusammenhalt der gesamten Schafherde verantwortlich, sondern nur für deren Bewachung - sie leben deshalb mit den wolligen Tieren gemeinsam in einer Gruppe. Selbst nachts, wenn die Herde im Nachtgatter ruht, bleibt der tierische Hüter bei den Schafen. Sie sind sozusagen gutmütige "Wölfe im Schafspelz". Dies erreichen die Hundezüchter, indem sie bereits die Welpen im Alter zwischen acht und vierzehn Wochen mit den Schafen aufwachsen lassen. Sobald Wölfe auf so beschützte Herden stoßen, brechen sie üblicherweise den Kampf ab. Kämpfe zwischen Herdenschutzhunden und ihren wilden Urahnen sind selten und angeblich begrüßen sie sich manchmal sogar gegenseitig skeptisch. Sie scheinen sich als "wölfische" Artgenossen zu erkennen, stammen doch alle unsere Hunderassen vom Wolf ab. Die beiden "Vettern" klären dann diesen verwandschaftlichen Interessenskonflikt unter sich.

Dort, wo der Schutzhund fehlt, kann der Wolf ungestört auf Schäfchenjagd gehen. Besonders extrem ist die Situation im Nationalpark Mercantour. Jährlich reißen die Wölfe bis zu 700 Schafe. "Solche Schäden werden zur Zeit mit Ausgleichszahlungen kompensiert. Dies ist eine Grundvoraussetzung, wenn man den Wolf erhalten will", so der Wolfsexperte Erik Zimen. "Es soll nicht eine Minderheit der Bevölkerung für die ganzen Kosten aufkommen müssen, und Wölfe kosten eine ganze Menge." Zusätzlich müssen die Verantwortlichen aber auch das Management der Schafe langfristig ändern. Das Wolfsprojekt des EU-Artenschutzprogrammes "Life" will neben wissenschaftlichen Forschungen auch die Haltung von Herdenschutzhunden im Nationalpark Mercantour propagieren. Auch leitet die deutsche Vereinigung "Gesellschaft zum Schutz der Wölfe" Projekte, die den Herdenschutzhund wieder in die Schafzucht integriert. Diese Umstellung für den Schäfer geht nicht von heute auf morgen, denn auch der Umgang mit den Hunden will gelernt sein.

"DOLCE VITA" IN DEN ABRUZZEN

Wohl jeder kennt Walt Disneys Liebesszene von Susi und Strolchi im Hinterhof einer Trattoria. Die beiden sitzen bei Kerzenschein und blicken sich mit verklärten Hundeblicken tief in die langbewimperten Augen. Italienische Musik im Hintergrund vor ihnen eine Schüssel mit dampfenden Spaghettis, das Glück scheint perfekt. Zwar verläuft das Leben der Wölfe in den Abruzzen nicht ganz so romantisch ab, aber trotzdem kommen sie ebenfalls nachts in die Hinterhöfe der Menschen und sind, als richtige Italiener, auf der Suche nach Spaghetti.

Seit 1973 verfolgen Luigi Boitani und Erik Zimen das dortige Wolfsleben, und sie fanden heraus, daß es ohne Schlachtabfällen und Nahrungsreste weniger Wölfe in den Abruzzen geben würde. Es bietet sich aber auch Futter in freier Natur an, denn in den letzten 20 Jahren hat die Nationalparkbehörde Rehe und Hirsche in den Abruzzen angesiedelt. Das Wild ist nun wieder in der weitläufigen Bergwelt Mittelitaliens als Beute für die Wölfe attraktiv geworden. Sehr wohl reißen sie aber auch Schafe, Hasen und andere Kleintiere. Können die Bauern den Verlust nachweisen, erhalten sie den dreifachen Geldwert bar ausbezahlt. Und dies ist dem einen oder anderen Schafhirten sehr recht.

Jedoch haben sie mit der Zeit gelernt, daß es leichter ist, sich an die Abfälle der Restaurants ranzumachen. Bietet sich in der freien Wildbahn längere Zeit nichts an oder sie sind zu faul zum Jagen, durchstöbern sie Müllhalden in den Dörfern und decken so einen Teil ihres Nahrungsbedarfs. Auf diese Weise finden sie alles aus der italienischen Küche, von Pasta bis Pizza. die scheuen Tiere trauen sich nur nachts in die Nähe der Siedlungen und sind oft alleine. Zimen:"In einem Rudel würden sie mit dieser Art der Freßgewohnheiten nur auffallen. Diese Lebensweise ist eine Anpassung an ihren Lebensraum, den sie mit den Menschen teilen müssen." Sogar in der Nähe der Stadtgrenze von Rom kann man gelegentlich Wölfe zu Gesicht bekommen.

Noch frecher sind die Stadtwölfe in Rumänien. Dort durchstreift ein Rudel die Gebiete um die Stadt Brasov, mit 320.000 Einwohnern eine der größten Städte des Landes. Sie haben sogar ihren Brüdern und Schwestern im Zoo von Brasov einen Besuch abgestattet. Dieses Rudel wird unter anderem im Rahmen des Karpatischen Großbeutegreiferprojektes, das mit Hilfe internationaler Zusammenarbeit 1993 ins Leben gerufen wurde, beobachtet. Dieses Projekt steht unter der Leitung von Christoph Promberger von der Wildbiologischen Gemeinschaft München und Ovidiu Ionescu vom Wildlife Research Laboratory aus Bukarest. Es soll, ähnlich wie das Wolfsprojekt in den Abruzzen, neben der Forschung auch dem Schutz der Tiere dienen. Mit Hilfe von Radiotelemetrie, Nachtsichtgeräten und Satellitennavigation sollen Kenntnisse über die Ökologie und Beutebeziehung gesammelt werden. Auch das Verhältnis von Wölfen und Menschen wird näher unter die Lupe genommen. Die Rudelgröße schwankt nach den ersten Ergebnissen ungefähr zwischen vier und zehn Tieren, und da auch in Rumänien der Mensch Feind Nummer eins ist, wurde im September 1998 ein neues Jagdgesetz gültig, das den Wolf das ganze Jahr über schützt.

ISEGRIM IN POLEN

Ein Forschungsprojekt im Urwald von Bialowieza in Polen untersucht, wie sich der Jagdeifer des Wolfes auf die Lebenssituation seiner Beute auswirkt: Wissente, Elche, Rothirsche, Rehe und Wildschweine sind davon betroffen. Das Projekt wird vom Ehepaar Bogumila und Wlodzimierz Jedrzejewski und Henryk Okarma, Institut für Säugetierforschung (Polnische Akademie der Wissenschaften) geleitet. Die Wölfe werden mit Hilfe von Radiotelemetrie ausfindig gemacht. Um ihnen Funkhalsbänder anzulegen, griff Okarma eine alte Fangmethode auf: "Bevor wir die Tiere in Netze treiben, engen wir ihr Gebiet mit Seilen ein, an denen Fahnen hängen. Aus unerklärlichen Gründen fürchten Wölfe diese Barriere und können so gefangen werden." In früheren Zeiten verwendeten die Jäger Seile, die mit Lappen versehen waren. Und nur ganz mutige Wölfe wagten sich manchmal durch die Lappen - heute sind es meist Gauner, die "jemanden durch die Lappen gehen".

Die Zoologin Bogumila Jedrzejewska: "Auf dem Speisezettel der Wölfe stehen vor allem Rehe und Rothirsche, diese werden in kleinen Rudeln gejagt." Die Wissenschaftler fanden heraus, daß in Bialowieza sowohl tagaktive als auch nachtaktive Rudel leben. Tiere im bewirtschafteten Teil des Waldes mit vielen von Menschen verursachten Störungen bevorzugen die nächtliche Lebensweise, ähnlich den Wölfen in den Abruzzen. Wlodzimeriz Jedrzejewski: "Grundsätzlich muß man sagen, daß die Zahl der Wölfe in den Wäldern von Bialowieza langsam aber stetig steigt. Ich glaube, daß dieser Trend in ganz Polen anhält und sich bald auch auf ganz Europa ausweitet. Doch selbst in diesen letzten, ursprünglichen Landschaften, zu denen der Urwald von Bialowieza gehört, nimmt der Mensch Einfluß auf die Tiere und seine Umgebung. Eine Tatsache die weltweit den Wolf betrifft, selbst in den "Ursprungsländern" von Canis lupus, wie etwa den dünn besiedelten Gebieten Alaskas, werden Wölfe vom Menschen beeinträchtigt. Doch der Rückkehrer wird wohl auch diese Hürde meistern. "Wölfe haben sich überall, wo sie in Gebieten mit Menschen leben, an das Zusammenleben angepaßt" sagt Erik Zimen.
(Wildlife Observer 2/99)



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